Das griechische Wort qeatron heißt Schaustätte, also einen Ort des Zur-Schau-Stellens einerseits und des Schauens andererseits, einen Ort jenseits der Realität, also einen Ort der Illusion, in dem das ‚wahre' Leben quasi abgebildet wird. Das lateinische Nomen (illusio = Ironie, Verspottung) ist wiederum abgeleitet vom Verb illudere, welches je nach Kontext mit : Spielend hinschreiben, sein Spiel treiben, verhöhnen, täuschen, betrügen, übel mitspielen, verderben, aufs Spiel setzen oder schänden übersetzt werden kann – Theater, also ein gefährliches Spiel !?
Wer nicht spielt, der nicht gewinnt. Die Ursprungsform ludus bedeutet nämlich : Spiel, öffentliche Spiele, Schauspiele, Schule, Spaß, Kurzweil - und das entsprechende Verb neben spielen und verspotten auch tanzen. Im Übrigen ist ein ludimagister ein Schulmeister. Siehe auch Hermann Hesses ‚Glasperlenspiel'. Ob die (Schul)-Zeiten damals wie heute wirklich so spielerisch waren oder sind, mag dahin gestellt sein; dennoch zeigen sich bereits in der Bandbreite der Übersetzungsvarianten die vielfältigen Interpretationsarten und damit auch Nutzungsmöglichkeiten dessen, was im qeatron stattfindet.
Dabei kann Theater überall sein, denn das Theater(spielen) ist nicht unbedingt an ein Theater(gebäude) gebunden : Theater findet dort statt, wo Theater gemacht wird.
Theater - nicht nur im heutigen Sinne, sondern zu allen Zeiten – wollte und will die gesellschaftlichen Verhältnisse und Umgangsformen, ihre Regularien und Klischees in Frage stellen, Utopien entwerfen und für ein Stück Zeit sogar – zumindest auf der Bühne - Wirklichkeit werden lassen. Theater begreift sich also als ein Medium den Menschen - uns, unser Denken, Hoffen und reales Verhalten - kritisch zu reflektieren und Anstöße zur Veränderung zu geben.
theatergildenast r.g. solo & friends
Das Leben ist ein Spiel - also : Spielen wir - mehr - miteinander und füreinander ! Denn : Wer's nicht fühlt, wird's nicht erjagen. Goethe und Gildenast
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Fortbildungen für LehrerInnen, ErzieherInnen und StudentInnen
Theateransichten von Rolf Gildenast
"Erst wenn die Kunst in alle Lehr- und Lernbereiche integriert ist, kann es eine leistungsfähige geistige und demokratische Gesellschaft geben. Jeder Mensch ist ein Künstler." (Joseph Beuys)
Kunst (in meinem Fall die darstellende) wird durch Sehen, Erleben und vor allen Dingen Selberma- chen sozusagen 'von alleine' bewusster und spricht bewusst oder unbewusst Schichten an, die weit in unseren persönlichen und archetypischen Erfahrungsschatz hineinreichen. Auf der anderen Seite kann der Umgang mit Kunst ein Gestaltungsmotivator und ein Experimentierfeld für die eigenen, aber auch die gemeinschaftlichen Gedanken und Gefühle sein kann.
Und hierin liegt für mich die Übereinstimmung im Ansatz von Joseph Beuys sowie meinen eigenen Gedanken : Natur und Kultur, Wissenschaft und Mythos verbinden, um zu einem 'ganzen' Menschen zu finden oder zurückzufinden. Beuys : "Der Mensch muss wieder nach unten mit den Tieren , den Pflanzen, der Natur und nach oben mit den Engeln und Gei- stern in Verbindung treten." Oder einfach - vielleicht ist das sogar dasselbe - mit sich selbst.
"Unser Körper weiß mehr, als wir uns ausdenken können." (r.g.) Körperlichkeit, bezogen auf den eigenen Körper, den Stimm-Körper, Gegenstände und den Raum als fassbare bzw. fassbare Körper sowie das menschliche Gegenüber, bedeutet dabei eine notwendige Voraussetzung der (Selbst-)Wahrnehmung und kann bisher ungeahnte Energien frei- setzen.
Wie das konkret für wen und welchen Alters aussehen kann, finden Sie im Folgenden beschrieben. Das Honorar beläuft sich auf... nachfragen kostet nichts
"Ich finde, dass in unserer Seele – unserem Körper und unseren Hirnwindungen – mehr an Möglichkeiten und Vorstel- lungskraft steckt als in allem TV-Gezappe und Video-Geclippe, und dass unsere Fantasie viel größer ist als alle CD- rom-Virtualität, die zwar faszinierend sein mag, der aber eins fehlt: Spontaneität, Originalität und Geheimnisvolligkeit; es fehlt ihr Leben, weil kein Ich dahintersteckt." (r.g.)
Grundsätzlich ist ein Workshop zu jedem der unter Spielwerk beschriebenen Programme möglich : Tanz, Pantomime, Inszenierung oder/ und Schreiben von eigenen Gedichten oder Geschichten, das Gestalten einer Musik oder die Umsetzung einer Ideensammlung, wenn man so durch die Gegend streift. Wie ich dabei vorgehe, sei an zwei Beispielen dargestellt :
Theaterworkshop Siegfried, der Drachentöter Basierend auf meiner Umarbeitung der Nibelungensage zu einem Theaterstück für Kinder entwickeln wir zusammen Szenen, die mit einfachen Mitteln darstellen, wie Siegfried aufwuchs, wie er lebte, wie er seine Frau fand und warum er gestorben ist. Wichtig ist mir bei meiner theaterpädagogischen Arbeit das spielerische Moment, d.h. mit viel Spaß in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen – egal ob männliche oder weibliche, ‚Gute' oder ‚Böse', König oder Bettler -, aber auch die anderen dabei zu beobachten, wie sie die Rolle ‚interpretieren'. Vorkenntnisse braucht dabei keiner der TeilnehmerInnen, denn ich präsentiere den Kindern an jedem Tag zum Einstieg einen Teil meiner Version, so dass sie einen lebendigen Eindruck des Geschehens haben. Und darüber – auch um das Verständnis abzuklären – reden wir dann erst mal. Im Verlauf des Workshops geht es allerdings nicht darum, Szenen zu kopieren, sondern eigene Ideen zu entwickeln und sie gemeinsam umzusetzen.
Theaterworkshop Tanzend um die Welt Basierend auf meinem Theaterstück für Kinder ‚In 10 Tänzen um die Welt' arbeite ich mit den Kindern wie folgt : Ich zeige die verschiedenen Tänze aus China und Neuseeland, von den Indianern und den Schotten etc., stelle die Musik vor und erzähle Geschichten zu den jeweiligen Ländern bzw. dort lebenden Menschen. Danach wird eine Rangliste erstellt, welche Länder wir zuerst tänzerisch bereisen wollen, sammeln gemeinsam Ideen und (unter ‚fachlicher Einflussnahme') wird ein Tanz zu der jeweiligen Musik choreografiert. Essentielles Anliegen ist jedoch, wie es im Rap-Text, in dem ich eine eventuelle Vorstellung moderiere, auch formuliert ist : "Bir, iki, üç, dört - Musik und Tanz, die gibt es weltweit – oh, oh, emine – zum Singen und Tanzen bin ich stets bereit…", d.h. über das eigene ‚motionale' und emotionale (getrieben durch die Musik) Agieren fremde Kulturen nahe kommen zu lassen und im wortwörtlichen Sinn am eigenen Leib zu spüren.
Grundsätzlich ist ein Workshop zu jedem der unter Kraftwerk beschriebenen Programme möglich : Tanz, Pantomime, Inszenierung von Gedichten oder Geschichten, Crash-Kurse in Sprechtechnik, Körpertraining oder Mime, oder die Beratung bei einer eigenen Produktion. Konkret könnte das so aussehen :
Theaterworkshop Das Drama um die Nibelungen Ich stelle meine Version des Nibelungenliedes 'Ich war Hagen' vor – wir erstellen eine Rangliste, welche Szenen die waren, die uns am meisten reizt noch mal nachzuspielen – und dann gehen wir in 'medias res', d.h. versuchen eigene Bilder für das Geschehen zu entwickeln und den Charakteren durch die eigene Darstellung nachzuspüren. Wichtig ist mir bei meiner theaterpädagogischen Arbeit bei Jugendlichen das spielerische Moment, d.h. mit viel Spaß in die unterschiedlichsten Rollen zu schlüpfen – egal ob männliche oder weibliche, 'Gute' oder 'Böse', König oder Bettler -, aber auch die anderen dabei zu beobachten, wie sie die Rolle ‚inter- pretieren'. Und wenn einmal das Eis gebrochen ist, kann es trotz des düsteren Themas sehr lustig werden (s. Foto), denn "Wer lacht, hat verstanden." (Christopher Onkelbach in einem Essay über die ‚Macht des Lachens').
Theaterworkshop Tanz-Zirkus Ausgehend von der Grundidee eines Tanzes und inspiriert von der entsprechenden Musik entwickeln wir (unter 'fachlicher Einflussnahme') eigene Choreografien. Im Vordergrund steht dabei nicht der 'perfekte Style', sondern den eigenen Körper die Art finden zu lassen, wie man sich gut ausdrückt. Von einem 'Image', einer Vorstellung kommen wir durch Ausprobieren zum Festlegen von Schrittfolgen, d.h., wie es auch bestimmte tanztherapeutische Ansätze formulieren, "form follows function." Das heißt z.B. beim Tango, der als Männertanz in den Straßen Buenos Aires entstand, wäre der Ausgangspunkt für das Schritte-Erfinden das altbekannte Spiel, wer es schafft dem anderen auf den Fuß zu treten Oder beim brasilianischen Capoeira sich katzenartig gegenseitig zu umschleichen und so knapp wie möglich Körper, Beine und Arme am anderen vorbeischießen lassen, ohne ihn zu berühren. Das können Mädchen genau so, wie Jungs auch Bauchtanzen können ! Der Möglichkeiten gibt es viele (warum nicht sich an einem bayrischen Schuhplattler versuchen) - wichtig sind immer Spaß, Fantasie und vor allem Mut etwas von sich zu zeigen.
Performance Workshop aus den Grenzbereichen der Aktionskunst In einem dreitägigen Workshop (oder eintägig, falls man sich auf eines der drei Themen beschränkt) stelle ich zum einen meine interdisziplinäre künstlerische Arbeit vor, bei der ich mich auf die ur- sprünglichsten Ausdrucksformen des Menschen : Körper und Stimme, Atem, Gestik und Mimik.
Wenn ich in meinen eigenen Inszenierungen "Theater spiele", dann spreche ich und singe, tanze, gestikuliere, benutze Materialien als Hilfsmittel zur Transformation, malträtiere z. B. Metallplatten, mache einen Tisch zum Schiff oder ein Taschentuch zum Segel. Im Zusammenhang der Präsenta- tion dieser Programmausschnitte meiner Arbeit berichte ich auch von den überraschenden und ge- planten Reaktionen der erwachsenen, jugendlichen und noch jüngeren ZuschauerInnen .(s. auch Essay)
In Kleingruppen werden wir dann Szenarien erarbeiten und besprechen, die deutlich machen, wie aus Emotion Motion, aus Reflexion Aktion und umgekehrt aus Imitation der Aktion Reflexion und aus bewußter Anleitung zur Motion emotio- nales Erleben entsteht... oder vielmehr wie 'einfach' es ist Tänze und Stücke zu entwickeln, wenn man mit der Prämisse herangeht, dass alles 'richtig' ist, dass das scheinbar Unpassendste gerade das Interessanteste sein kann und die erste, die spontane und intuitive Idee (fast) immer die Beste ist...
Wir werden damit zum einen auf das eigene Befinden, die eigenen Barrieren, "Energie fließen" zu lassen, horchen, zum anderen darauf hinarbeiten, die eigenen Stärken als Mittel der Kommunikation einsetzen zu können, sei es im Alltag, sei es als forschende(r) Therapeut(in) oder vermittelnde(r) Lehrer(in).
Ein hervorragendes Merkmal und Mittel der Performance-Kultur ist seit den 60er Jahren die Körperlichkeit. Sensibilität und Sensualität bedeuten dabei notwendige Voraussetzungen einer als Ganzheit wahrgenommenen Figuration der Performance-Kunst. Darin liegen andere Ebenen der (Selbst-)Wahrnehmung begründet, die bisher ungeahnte Energien freisetzen können. Denn "Theater" ist nichts anderes, als in sinnlich-komkret wahrnehmbaren Versionen das Leben vor- zustellen, in dem wir selber Rollen spielen:
"Life is a performance and man is art".
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Kinder bewiesen erstaunliche Spielfreude "Mit großem theatralischem Einsatz begeisterten Ferienkinder ihr Publikum. Auf der Bühne des Bildungszentrums an der Ebertstraße führten sie Szenen aus der alte Nibelungensage von Siegfried, dem Drachentöter, auf.
Todesmutig kämpften sie mit wilden Bären und Feuer speienden Drachen. In einem einwöchigen Workshop hatten die Acht- bis Zwölfjährigen mit.dem Theaterpädagogen und ehemaligen Solotänzer Rolf Gildenast auf Einladung der Stadt- bibliothek eine erstaunlich phantasievolle szenische Version der Sage erarbeitet. Gildenast berücksichtigte alle Wünsche der Ferienkinder. Jedes Kind konnte sich aussuchen, welche Figur es spielen wollte: den mutigen Siegfried oder den fin- steren Fürsten Hagen; König Gunther, die starke Brunhild, die schöne Kriemhild oder einen Bären. Zwangsläufig ent- schieden sich mehrere Kinder für dieselbe Rolle - für Gildenast kein Problem. So wurde die schöne Kriemhild beispiels- weise eben durch zwei Mädchen verkörpert.
"Mir ist wichtig, dass die Kinder zu nichts gezwungen werden. Niemand soll hier etwas spielen, was er gar nicht will.", verriet Gildenast. " Wichtiger ist, dass sie Emotionen selber erleben und frei darstellen." Bei der Aufführung vor vollem Haus merkte man den Kindern an, welche Freude am szenischen Spiel sie in, diesem Workshop entwickelt haben. Sie durften sich nach Herzenslust austoben, wenn sie als Ritter, Bauern oder Könige spannende Kampfszenen nachstellten, lustige Lieder sangen oder Stärke und Mut in Weitsprung und Wettrennen bewiesen. Kindliche Impulsivität zeigte sich auch in vielen Dialogen, so zum Beispiel, als aus einem erlegten Bären ein Bärenschnitzel geschnitten wurde. Den Kern der Sage von Freundschaft und Hader, Liebe und Verrat verschüttete die Spielfreude nicht. Bis zu Siegfrieds Tod wurde der erste Teil der Nibelungensage erzählt." (Ruhrnachrichten vom 2.9.2002)
Wie Gewalt funktioniert Liebe, Hass, Intrigen und Gewalt: Das ist der Stoff, aus dem die Soap-Serien sind - und solch anspruchsvolle Literatur wie das Nibelungenlied. Kriemhild, Siegfried und Hagen heißen heute anders, doch die Mechanismen von Gewalt funktionieren nach den gleichen Prinzipien wie vor Jahrhunderten. Unterlegenheitsgefühle, der Eindruck, in seiner Ehre gekränkt zu sein - das ist auch der Nährboden für Rechtsextremismus.
Dass die Moral von dieser Geschicht' nicht verstaubt sein muss, erlebten jetzt 17 Hasseler Hauptschüler bei einem Workshop mit dem Tänzer Rolf Gildenast. "Mach König Gunther schöne Augen, geh näher an ihn 'ran' !" Verlegen steht Hatice vor ihrer Mit- schülerin, die den Burgunderkönig in dem mittelhochdeutschen Epos mimt, und müht sich sichtlich mit dem Flirten ab. Doch Gildenasts lockende Worte ("Der hat tierisch viel Knete und schenkt Dir 'ne Burg.") fruchten letztlich nur bedingt. Der König senkt den Daumen nach unten – diese Heiratskandidatin hat keine Chance.
Hemmungen, Unterlegenheit, Misserfolgserlebnisse : Derartige Gefühle kennen auch die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 b nur zu gut, hat Lehrerin Ursula Lindemann festgestellt, die den Künstler zu dem zweitägigen Workshop eingeladen hat. Ausgehend von seinem Stück "Ich war Hagen" erarbeitete er im Dietrich-Bonhoeffer-Haus mit den 15- bis 17 -jährigen die Me- chanismen von Macht, Gewalt, Ehre und Lüge, dem Nährboden von Rechtsextremismus. Die Botschaft scheinen einige Schüler offenbar verstanden zu haben. "Im Krieg gibt es eigentlich immer nur Verlierer", befand gestern ein Jugendlicher.
Mit dem Motto "Gefahr erkannt, Gefahr gebannt macht man es sich vielleicht zu einfach, doch in diesem Fall ist der Weg das Ziel. Denn wenn Jugendliche tür die Mechanismen von Gewalt sensibilisiert werden, können sie - hoffentlich - sorgsamer mitein- ander umgehen. (WAZ Buer vom 24.11.2001)
Hessische Schultheatertage Eschwege 1989
Life is a performance
and
man is art
Das Leben ist ein Spiel – also : spielen wir Theateransichten von Rolf Gildenast
Trüffelschwein-Walzer Keinen Ringkampf, sondern einen aufgepeppten Strauß- Walzer proben hier zwei Teilnehmerinnen bei den Schultheatertagen. Gildenasts Gruppe machte aus "Wiener Blut" ein avantgardistisches Spektakel. (OP Marburg vom 2.6.1990)
tende oder forschende Vorbildfunktion einnimmt, abverlangt werden können.
Diejenigen, die von all dem noch nichts wissen - Babys - sind in jeder Hinsicht für alles offen, sie lernen spielend und für sie ist alles möglich. Meines Erachtens sollten wir diesen Zustand möglichst lange erhalten : SPIELEN wir also – mehr miteinander und damit auch füreinander !
Daher glaube ich, dass sich bestimmte Ansätze aus der Theaterarbeit durchaus sinnig und gewinnbringend in erzieherische und therapeutische Arbeit einbinden lassen, um zumindest ab und zu kleine, außergewöhnliche, eben besondere Anlässe zu schaffen, die auf der einen Seite in nachhaltiger Erinnerung bleiben und auf der anderen denselben Effekt erzielen wie das von mir oben beschriebene Konzept : Auf ungewöhnliche Weise quasi unbemerkt Wissen zu vermitteln und eine spannende Atmosphäre zu schaffen (ob morgen wieder ‚so was dolles' passiert ?). Solche überraschenden Momente oder ungewöhnlichen Transformationen lassen sich von jedem realisieren ! Überzeugend – und dies ist eine Grundvoraussetzung für solche ‚Ausflüge' wird und wirkt man als ‚Reiseleiter' jedoch erst, wenn man sich seiner Sache sicher ist oder sich in seinem Metier befindet, d.h. auf seine eigene Fähigkeiten setzt (Gitarre spielen, Einrad fahren, Origami... ) oder sich einfach traut aus der festgelegten Rolle als Lehrer oder Therapeut ab und zu und zur Überraschung aller auszusteigen.
Das kann durch absolut unerwartete Aktionen geschehen : Sie kommen rein, machen einen Kopfstand und sagen so ‚Guten Morgen ! Geht's euch gut ?'; oder Sie unterrichten mal auf dem Bücherschrank Platz nehmend – sozusagen als König Besserwiss, der entweder die Fragen stellt und sich mit Antworten beliefern lässt oder selbstherrlich meint, er wüsste auf alle Fragen der Schüler eine Antwort.
Eigentlich ist jeder, wenn er sich denn traut, in der Lage zu tanzen, zu singen, zu spielen oder sich eine verrückte Gestaltung ausdenken – manchmal kommen die Ideen dazu intuitiv, manchmal ist es ein zähes Hin- und Herüberlegen. Beim professionellen Darsteller ist dieser Mut natürlich ein Muss, dennoch steht auch hier neben dem Talent ein zähes Ringen um die Verfeinerung der Fähigkeiten. Aber meines Erachtens muss dieser ,Mut' auch jemandem, der eine anlei-
Ob stimmlich oder körperlich oder beides zusammen, in jedem Fall erlebt sich jeder auch erst einmal als Teil der ‚sicheren' Gemeinschaft und kann sich mit ihr zusammen und in ihr ‚unentdeckt' selbst auslassen. Später werden dann einzelne oder mehrere (meist eine steigende Anzahl) Freiwillige, also ‚besonders Mutige' bei bestimmten Nummern in das Spiel auf der Bühne integriert. Auch hierbei gehe ich ‚wahllos' vor, d.h. z.B. dass die Bremer Stadtmusikanten geschlechtlich nicht festgelegt sind, d.h. dass "der Räuber mit dem schrägen Blick" auch eine sie sein kann.
Ich erlebe dabei äußerst selten, dass ein Kind sagt, es wolle kein Esel sein, oder ein Junge bei der ‚Dornröschen-Nummer' es am Ende nicht doch witzig findet, für kurze Zeit eine Prinzessin gewesen zu sein. Im Endeffekt steht der Spaß des Mitmachens im Vordergrund und die Lacher seitens des Publikums sind eher Zuspruch denn Häme, denn diejenigen, die sich melden, werden mit Respekt, sprich am Ende auch mit Applaus bedacht.
Zum einen erleben die Zuschauer solche Situationen als spannend, wie sich einer der ihren in einem fiktiven Spiel exponiert und gleichzeitig real behauptet, und fühlen sich dadurch auch bei späteren Beiträgen ohne Publikumsbeteiligung stärker mit einbezogen – sozusagen auf dem Sprung, denn es könnte ja mal wieder einer auf der Bühne gebraucht werden – zum anderen stellt sich auch jeder irgendwo insgeheim die Frage, ob er sich selbst das überhaupt zutrauen würde.
Und wenn wir dann – "Wer kommt mit ?" – meist alle auf die ‚Große Reise' gehen, fahren alle die Flügel aus, greifen alle in die Ruder, suchen alle auf der Insel nach Holz und fürchteten sich alle gemeinsam vor dem großen Tiger. Und doch entscheidet jeder für sich, wie viel Angst er wirklich vor der Raubkatze hat und wie schnell er deshalb wirklich weg- bzw. mitlaufen muss. In diesem Moment hat das Theaterspiel einen wirklichen Freiraum geschaffen, in dem ein Mensch sich selbst und auch die anderen erlebt – auf spielerische Weise und ohne sich vor dem Tun durch Vorurteile einzuschränken und zu blockieren. Alle Situationen sind für alle gleich offen und jedem ist es erlaubt in jede Rolle zu schlüpfen und somit auch die Erfahrung des Überraschenden, des Unbekannten, des ‚Anderen' zu machen oder dies stellvertretend im Darsteller oder dem mitspielenden Kollegen zu erleben.
Als Theatermacher kann ich dabei nur hoffen, dass dieses Gefühl der Offenheit, des Alles-ist-möglich und Nichts-muss-so-sein dann ins ‚wirkliche' Leben übertragen wird, dass sich dieser Mut, auch mal anders zu sein, auch mal anders zu denken, über das Spiel hinaus erhält, Auswirkungen auf bestehende Vorurteile hat und Verständnis und Akzeptanz weckt. Veranstaltungen wie Auftritte von Künstlern in Schulen sind für die Schüler etwas Besonderes, bilden Highlights, an die und an deren Inhalt und (!) Aussage sie sich noch lange erinnern.
Natürlich muss der einmalig auftretende Gast sich nicht mit der täglichen Kärrnerarbeit beschäftigen und sicherlich sind bestimmte Voraussetzungen bei der Arbeit für die Bühne, für die Schule und für die Rehabilitation grundsätzlich verschieden. Doch auch z.B. Brechts Zielrichtung war eine fast schulmeisterlich didaktisch und Aristoteles wiederum sprach von der kathartischen, reinigenden Wirkung des Theaters.
In diesen Spielszenen vermeide ich meist auch auf konkrete Themen wie Eltern, Geschwister, Schule... Bezug zu nehmen, sondern versuche Bilder zu entwerfen oder Zustände zu beschreiben, welche alle ‚gleich' erleben können, sei es als Junge oder Mädchen, sei es deutscher, türkischer o.a. Abstammung, sei es mit Behinderung oder ohne.
Natürlich kann ich bei Soloauftritten nicht verhehlen, dass ich ein Junge bzw. ein Mann bin. Dennoch werde ich nicht als solcher erkannt, da ich in Rollen schlüpfe, die nicht per se an ein bestimmtes Geschlecht gebunden sind : ‚Ein komischer Vogel', der fliegen lernt - ein wildes Tier, das ‚Im Zoo' eingesperrt ist; - ein Mensch, der eine Brille trägt und trotzdem schlecht sieht und somit in unfreiwilliger Komik einen traurigen Tolpatsch abgibt.
Natürlich kann ich durch meine Sprache auch nicht verhehlen, dass ich Deutscher bin, aber schon allein die Tatsache, dass ich auf türkisch bis acht zählen kann, versetzt größtenteils bereits in Erstaunen und bringt viel Sympathie ein. Ich beschreibe meine Person über meine Namen hinaus allenfalls als Tänzer, Pantomime, Schauspieler und Clown, und da ich auch mal die Tante Trude Trippelstein, Klaus große Schwester oder Dornröschen bin, werde ich nicht als vom selben oder vom anderen Geschlecht wahrgenommen, sondern nur als die jeweilige Figur, und da ich z.B. offensichtlich so viele verschiedene Nationaltänze kenne, nimmt man mir den Kosmopoliten ohne Bedenken ab.
Wichtig ist mir persönlich, dass dieses ungewöhnliche Ereignis, diese ‚aufgebrochene' Perspektive, dieser ‚Frei'raum, in dem all diese Dinge passieren und scheinbar noch mehr oder vielleicht zeitweise sogar alles möglich ist, nicht durch den Theaterapparat, den sogenannten Deus ex machina, sondern durch die Person und die besonderen Fähigkeiten des Darstellers geschaffen werden. Denn über Tricks kann man staunen, mit einem Darsteller sich jedoch identifizieren.
Darüber hinaus bildet dieser so geschaffene ‚Frei'raum ein Forum, in dem sich jeder Zuschauer, da sich diese ‚andere' Welt jenseits seiner Erwartungshaltung an einen Auftritt von ‚Herrn Gildenast' befindet, selbst zurechtfinden muss. Bei den Gedanken und Gefühlen über das, was in dieser Situation oder in diesem Programm abgeht, sind die Anwesenden also als eigenständige Person, als Ich gefordert und im positiven Sinn ‚allein' gelassen.
Was nun neben dem Denken das Handeln des Zuschauers betrifft, so erlauben ihm die sogenannten Mitmach-Aktionen, also das interaktive Spiel zwischen Publikum und Darsteller, zum einen körperlich zu agieren und andererseits selber aktiv am fiktiven Geschehen teilzunehmen.
Als ‚Eisbrecher', um ein Klima der Spontaneität und Unbefangenheit zu schaffen, dienen mir meist Aktionen, die gemeinsam ausgeführt werden und bei denen man entweder beim Nachsprechen eines Spruches mal so richtig laut, dann aber auch unglaublich leise sein muss (fördert die Konzentration und baut Aggressionen ab), oder wir ziehen zusammen an einem imaginären Seil eine imaginäre Riesenrübe – nach kurzer Zeit meist real Schweiß treibend – mit Erfolg aus der Erde (finden Kinder meist witzig und holt sie aus der sitzenden Zuguck-Haltung heraus).
Ich persönlich kreiere seit langer Zeit eigene Theaterstücke und trete damit in Kindergarten und Seniorenheimen, auf Kulturfestivals und in Sonderschulen auf, bin auf Bühnen oder ‚vor Ort' mitten unter den Zuschauern zu Gast. Dabei habe ich insbesondere bei meinen Programmen für Kinder und Jugendliche bestimmte Richtlinien entwickelt, nach denen ich meine Stücke bzw. Auftritte konzipiere. Mein Hauptanliegen liegt darin, den Menschen, d.h. Handeln und Denken der dargestellten Figur, aber auch des Darstellers selbst und in umgekehrter Reihenfolge Denken und Handeln der Zuschauer, in den Vordergrund zu stellen.
Dabei versuche ich mit möglichst einfach Mitteln, also ohne Kostüm, Maske, Bühnenbild oder andere Hilfsmittel, sondern allein mit den ursprünglichsten Ausdrucksmöglichkeiten des Menschen – Körper und Stimme, d.h. Tanz, Pantomime, Gesang und Schauspiel – auszukommen (Stichwort ‚arte povera').
Grundsätzlich steht bei mir die Fantasie im Mittelpunkt – meine eigene, mit der ich mich in eine Rolle glaubhaft versetze, und die der Zuschauenden, die sich den ‚Rest' sozusagen denken müssen. (Mein persönlicher Winnetou sah z.B. auch anders aus als Pierre Brice; und welche Enttäuschung, als der in Elspe dann nicht so aussah wie Pierre Brice.) Mit anderen Worten : Ich versuche einen größtmöglichen Freiraum zu lassen für die Vorstellungskraft des einzelnen.
Schon der erste Auftritt sollte sich dabei irgendwie als Überraschung herausstellen : Entweder ich sage nichts (was sich später dann als Pantomime herausstellt) - spreche unverständliches Zeug ("Tja, das war das Deutsch unserer Urururururur... großeltern, das sogenannte Althochdeutsch !") - oder fange einfach an, ein Guten-Morgen-Lied zu rappen : Wissenswertes wird witzig verpackt, Alltägliches anders dargeboten. Und somit ist gleich die ‚Spielregel' gesetzt : Upps, hier läuft es irgendwie anders als sonst, das ist etwas Besonderes ! Aber was eigentlich ? Auf jeden Fall ist es lustig und spannend.
So wird eine Spannung und ein Raum geschaffen, in dem Illusion, also das Spiel zwischen scheinbarem Trug und Kurzweil, glaubhaft ist und wo Theater scheinbar alles, auch das bisher noch nicht Gedachte, ja selbst das Unmögliche möglich macht : Den Mond (pantomimisch) gemeinsam vom Himmel holen - mit dem Drachen (tänzerisch) Freundschaft schließen und sogar seinen Kopf streicheln dürfen - die Merseburger Zaubersprüche aus dem 10.Jh. (mit einem ‚echten' kleinen Zaubertrick) zu heutigem Leben zu erwecken und den Auftrag zu bekommen, ihn zu Hause einmal auszuprobieren...
Darüber hinaus stehen solche Szenarien wie die gerade beschriebenen größtenteils außerhalb des den Kindern und Jugendlichen bekannten Rahmens und sind somit Neuland für sie. Das heißt, sie werden nicht nur überrascht und finden sich woanders als gedacht wieder, sondern somit verwehre ich ihnen auch, auf bereits vorhandene Einschätzungen zurückgreifen zu können. Es bleibt jedem einzelnen selbst überlassen, gemäß seiner Fantasie und natürlich seiner Bereitschaft, diese zu aktivieren, mitzugehen.
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Gildenast bildet LehrerInnen im Tanzen aus Unterricht der besonderen Art fand an drei Tagen in der Gesamtschule Ückendorf statt. Rolf Gildenast, ehemaliger Solo- tänzer des MiR und nun freiberuflicher Tänzer, Choreograph Pädagoge, stellte Lehrerinnen und Lehrern der Fächer Dar- stellen und Gestalten seine eigene interdisziplinäre Arbeit vor. Gemeinsam wurde an Möglichkeiten gearbeitet, den Kör- per, die Stimme, den umgebenden Raum und die Menschen und Gegenstände in fantasievoller Weise sowohl im Unter- richt als auch im Schultheater einzusetzen. Beei soviel praktischen Anregungen und Tipps für die tägliche Abeit mit den Schülerinnen und Schülern kamen die Gesamtschullehrer ganz schön ins Schwitzen. (Stadtspiegel Gelsenkirchen vom 4.11.2002)
simple expressive beautiful
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